Video-Home-Training®

Lernen aus gelungenen Situationen und am eigenen Modell


Das heidehaus bildet regelmäßig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Video-Home-Trainern aus, um sozialpädagogische Prozesse intensiver begleiten und analysieren zu können.

Video-Home-Training® ist ein in der Mitte der 1980er Jahre in den Niederlanden entstandenes und seit Anfang der 90er Jahre auch in Deutschland etabliertes Konzept der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe.

  • Es wird mit Videobildern des täglichen Familienlebens (bzw. in Institutionen   mit Bildern der täglichen Lebenssituation des Kindes) gearbeitet, aufgenommen im häuslichen bzw. institutionellen Kontext,
  • die Analyse der Videosequenzen orientiert sich an den Mustern und Elementen der Basiskommunikation, dem Muster der frühen Mutter-Kind-Beziehung, das als das Muster gelungener und entwicklungsfördernder Kommunikation schlechthin gilt,
  • es wird mit einem konsequent positiven Ansatz gearbeitet, indem nicht problemvertiefend, sondern verstehend sowie ziel- und lösungsorientiert vorgegangen wird,
  • es bietet ein operationalisiertes Muster der positiven Stimulierung von Entwicklung an,
  • es geht davon aus, dass Erziehungs- und Anpassungsprobleme ihre Ursache in gestörter Kommunikation haben und mit dem Aufbau gelungener Kommunikation positiv beeinflusst werden können,
  • es geht vom Menschenbild des Empowerments aus.

 

Der systemischen Sichtweise folgend geht es darum, die Eltern bzw. die verantwortlichen Erwachsenen für ihre Erziehungsaufgabe zu qualifizieren und bei einem gestörten Eltern-Kind-Verhältnis mit ihnen die notwendigen Grundfertigkeiten aufzubauen. Die Kinder orientieren sich an ihnen und der Qualität ihrer Kommunikationsangebote.

In der Praxis bedeutet dies, dass ein Video-Home-Trainer nach der gemeinsamen Formulierung der Hilfefrage eine kurze Videoaufnahme des täglichen Familienlebens macht, diese auf gelungene Momente im Sinne der Basiskommunikation untersucht und sie eine Woche später mit den Eltern im Rahmen einer Bild-für-Bild-Analyse durcharbeitet. In den Folgeaufnahmen können Eltern ihre fortschreitenden Fähigkeiten sehen, die Initiativen der Kinder zu verstehen und positiv zu lenken.

Das Video-Home-Training ® stellt die gelungene Kommunikation, die Basiskommunikation, ins Zentrum der gemeinsamen Arbeit. Die Videoaufnahmen machen ihre Elemente und die gegenseitige Bedingung der Kommunikationsmuster der Beteiligten sichtbar.

Die Basiskommunikation, abgeleitet aus der natürlichen Mutter-Kind-Kommunikation der ersten Beziehung, stellt in ihrer Vollkommenheit der Übereinstimmung zweier Menschen ein Ideal dar, das als beglückend empfunden wird, wenn es erreicht ist. Durch die Forschungen von C. Trevarthen von der Universität Edinburgh, der diese erste Beziehung untersucht und ihre Verhaltenselemente operationalisiert hat, wird es möglich, gezielt auf die Vervollkommnung dieses Musters hinzuarbeiten.

Hierzu sind zwei Forschungsergebnisse von ihm wesentlich:

  • Kinder immer auf freundliche Art und Weise die Initiative ergreifen, um in Kontakt zu kommen. Dies ist genetisch angelegt und bereits bei Neugeborenen zu beobachten. Es handelt sich dabei um eine Überlebensstrategie; ohne soziale Kontakte wären sie nicht in der Lage, sich gesund zu entwickeln.
  • Eltern grundsätzlich die Bereitschaft haben, diese Kontaktinitiativen zu beantworten (Responsivität); die Art und Weise, wie sie es tun, hängt jedoch davon ab, wie sie die Basiskommunikation in ihrer eigenen frühen Kindheit erfahren haben, also von ihren eigenen frühen Lernprozessen.

Hier liegt die Chance zur Veränderung: Wenn Eltern lernen, die Initiativen der Kinder zu bemerken, sie zu verstehen und sie freundlich zu empfangen, kann eine positive, die Entwicklung und Bindung fördernde Beziehung zum Kind entstehen.

Verhaltensauffälligkeiten und Störungen der Kinder werden damit anders verstehbar: Sie sind fast immer Versuche, in Kontakt zu kommen und haben sich wegen der fehlenden positiven Empfangsbestätigung so verformt, dass sie nicht mehr ohne Weiteres als solche erkennbar sind. Die Videobilder helfen, sie wiederzuentdecken und richtig zu deuten. So wird sowohl eine pädagogische als auch eine therapeutische Wirkung erzielt.

Die Elemente der Basiskommunikation sind:

  • Freundliche Aufmerksamkeit füreinander haben (Zuwendung und Blickkontakt)
  • Einander mit Zustimmung folgen und sich aufeinander einstimmen (bejahen und den Empfang bestätigen)
  • Sich auf eine angenehme Art und Weise unterhalten (fortlaufender Austausch, Initiative und Empfang in der Ja-Serie)
  • Positiv lenken (sich auf den anderen einstimmen, Vorschläge machen, loben)
  • Gleichmäßige Verteilung der Aufmerksamkeit zwischen den Familienmitgliedern (Austausch in der Runde)
  • Kooperativ miteinander umgehen (geben und nehmen)
  • Abwechselnd die Initiative ergreifen in Bezug auf Vorschläge machen, Pläne schmieden und Beschlüsse fassen (Gemeinsam beraten)
  • Konstruktiver Umgang mit Konflikten (Konfliktbearbeitung)

Das Video-Kontakt-Schema auf der nächsten Seite stellt eine Operationalisierung dieser Prinzipien dar. Es zeigt, dass alle Bündel, Muster und Elemente aufeinander aufbauen, dass z.B. die befriedigende Lösung von Konflikten nicht ohne das Funktionieren von Initiative und Empfang vonstattengehen kann.

Auf zwei wesentliche Bündel bzw. Muster soll hier näher eingegangen werden:

Das Muster „sich einstimmen“ hat eine grundlegende Bedeutung für das Gelingen der Kommunikation.

In Familien sehen wir oft, dass Eltern ihre Kinder versuchen zu lenken, indem sie ihnen sagen, was sie tun sollen, ohne darauf zu achten, womit sie gerade beschäftigt sind.

Sie „folgen“ ihnen nicht nur nicht in ihren augenblicklichen Handlungsentwurf, sondern erwarten auch eine schnelle Erledigung des Auftrags, d.h. sie passen sich nicht dem Tempo des Kindes an. Daraus entstehen oft vielfältige Konfliktsituationen, in denen beide Kommunikationspartner sich unverstanden fühlen und mit dem entsprechenden Ärger reagieren. Würden die Eltern sich erst auf die Wahrnehmungsebene des Kindes begeben, seine Aktivität und seine Bedürfnisse benennen und dann lenken, wäre das Kind eher bereit, den Anweisungen zu folgen.

Häufig genügt bereits das Benennen allein, um das Kind wieder in eine Aktivität einzubinden.

Bei der gegenseitigen Abstimmung spielt neben der Körpersprache das empathische Benennen die Schlüsselrolle. Erst wenn beide Kommunikationspartner die Perspektive des anderen verstehen und sein Verhalten, seine Gefühle und Bedürfnisse in Worte fassen und mitteilen, kann die „gleiche Wellenlänge“ erreicht werden, die zur Kooperation führt.


Video-Kontakt-Schema

Merkmale gelungener Interaktion und Lenkung (Harrie Biemans 1990)


Im Video-Home-Training ® wird dabei vorwiegend von einer bedürfnisorientierten Sichtweise ausgegangen: Verhalten wird verstanden als ein möglicher Ausdruck eines Grundbedürfnisses4.  Das Verstehen und Benennen dieses Grundbedürfnisses führt zum Gefühl des Verstandenwerdens und zur Bereitschaft, gemeinsam zu handeln. Beim positiven Lenken und Leiten wird es notwendig, dem Kind eine Verhaltensalternative zur Erfüllung des Bedürfnisses zu geben.

Bei Familien mit Jugendlichen wird das Bündel „Gemeinsam beraten“ relevant, denn es geht um Meinungsbildung, Meinungsaustausch und das gemeinsame Suchen nach Lösungen. Hierdurch wird Verhandlungskompetenz aufgebaut. Jugendliche bilden ihre Identität über den Meinungsaustausch mit verschiedenen Kommunikationspartnern und lernen, andere Meinungen anzunehmen, indem sie sie untersuchen und selbst Stellung beziehen. Sie lernen, eine andere Meinung gelten zu lassen und sie in ihre Vorstellung von einer Lösung einzubeziehen. Eltern können diesen Prozess unterstützen, indem sie auf einer gefestigten Basis von Initiative und Empfang den Prozess des Meinungsaustauschs lenken.

Das Umgehen mit Konflikten basiert auf dem „Gemeinsamen Beraten“: Erst wenn die Meinung und das Handeln des jeweils anderen aus seiner Perspektive verstanden und angenommen werden kann, kann an die Lösung eines Konfliktes gegangen werden.

Die Basiskommunikation hilft dabei, authentisch zu kommunizieren.

 

Die Videoaufnahme ist mehr als ein methodisches Hilfsmittel. Sie fängt die Realität ein und hält sie gesprächsfähig. Sie bewirkt, dass den Familien selbst komplizierte Situationen veranschaulicht und verstehbar gemacht werden können, sie bilden die Verständigungsbasis für die gemeinsame Arbeit.

Darüber hinaus ist die emotionale Distanz (Dissoziierung von Situation und Gefühl) zur Originalsituation sehr hilfreich beim Analysieren von Interaktionen und ihren Auswirkungen. Viele Eltern haben auf diese Weise ihre Kinder auf eine andere Art und Weise kennen - und verstehen gelernt.

Das Phänomen der Generalisierung der Wahrnehmung wirkt sich hier positiv aus: Eltern, die ausschließlich Bildausschnitte mit eigener gelungener Basiskommunikation sehen und dafür vom Video-Home-Trainer bzw. durch die sichtbaren erwünschten Auswirkungen auf ihre Kinder positiv bekräftigt werden, nutzen diesen Effekt zur Stärkung ihres Selbstwertgefühls. Dies ist die Grundvoraussetzung für eine positive Haltung gegenüber dem Kommunikationspartner.

 Mit den Videobildern wird auf eine bestimmte Art und Weise umgegangen: Das Arbeitsmaterial besteht grundsätzlich nur aus Bildern gelungener Kommunikation, ihren Mustern und Elementen und nur diese Ausschnitte werden z.T. Bild für Bild oder in Zeitlupenanalyse gezeigt und besprochen. Die in Gang gesetzten Lernprozesse basieren u.a. auf den Prozessen des verhaltenstherapeutischen „shapings“, einer Sonderform des „Lernens am Modell“ (Eltern sind ihr eigenes positives Modell) von BANDURA und des problemlösenden „Lernens durch Einsicht“ im Sinne der Erkenntnisse der „Berliner Schule“ (KOFFKA,WERTHEIMER). Im Sinne des „Feed Forward“ (DOWRICK, Universität Hawaii) bilden die Videoaufnahmen die Zukunft ab. Die Botschaft der Bilder ist „so wirst Du aussehen, wenn Du Dein Ziel erreicht hast“. Eltern streben diesem Bild nach und integrieren es in ihr Handeln.

Beim Video-Home-Trainingâ gilt die Prämisse, dass der positive Ansatz, d.h. das Betrachten und Verstärken von gelungenem Kommunikationsverhalten wirksamer für den Lernprozess der Eltern ist als die Analyse von Problemen. Diese würde die emotionale Komponente des Lernens vernachlässigen und das Kognitive hervorheben.

Aus der Hirnforschung ist bekannt, dass die Synapsen im Gehirn sich erst öffnen, wenn der Mensch entspannt ist, Lernen also dann am effektivsten ist, wenn er sich in einer angenehmen Situation befindet. Ein problemvertiefender Blick führt diese nicht herbei.

Video-Home-Trainer werden oft gefragt, ob sich Familien ohne weiteres filmen lassen. Die häufigsten Argumente sind eine vermutete Furcht vor negativer Kontrolle bei den Eltern und der Zweifel der Fachkräfte an der „Echtheit“ der Aufnahmesituation. Sicher spielen anfangs Unsicherheit in Bezug auf das Neue sowie Angst vor negativen Rückmeldungen und Kontrolle eine Rolle; nach der ersten Rückschau ist das Eis jedoch gebrochen: Eltern erfahren die positive Analyse als entspannend, motivierend und hilfreich.

Die befürchtete mangelnde Echtheit im Sinne des Beobachtungseffekts verliert aus zwei Gründen an Relevanz:

  • Die Kommunikationselemente zeigen sich innerhalb von Sekunden in habitualisierten Mustern, die nicht ohne weiteres willentlich kontrollierbar sind, zumal der andere Kontaktpartner, z. B. das Kind, sein Muster unverfälscht einbringt.
  • Wenn Eltern sich im Sinne der sozialen Erwünschtheit verhalten, zeigt dies, dass sie das erfolgversprechende Verhalten in ihrem Repertoire haben und dies als Ressource ausgebaut werden kann.

Das Menschenbild des Video-Home-Trainings® geht davon aus, dass alle Menschen Ressourcen haben, die es zu entdecken und zu entwickeln gilt. Konkret bedeutet dies, dass bei allen Eltern Bausteine der Basiskommunikation vorhanden sind, die mit den Bildern entdeckt und ausgebaut werden können. Hiermit geht eine Stärkung des Selbstwertgefühls einher, was wiederum dazu führt, dass sie ihre eigenen Fähigkeiten entdecken und einsetzen können. Es wird damit eine Spirale der Aufwärtsentwicklung in Gang gesetzt, die durch konsequente Aktivierung der Ressourcen nachhaltiger wirkt als kompensierende Hilfen und kritisches Feed-back.

Die Rolle des Video-Home-Trainers wird durch die Grundsätze der Ressourcenorientierung und Aktivierung, des positiven Ansatzes und der Förderung von Entwicklung bestimmt.

Video-Home-Trainer lassen die Verantwortlichkeit für die Familie bei den Eltern. Sie orientieren sich an der von ihnen formulierten Hilfefrage und respektieren ihre Entscheidungen und Wünsche. Sie verstehen sich eher als kompetente Begleiter denn als eingreifende Helfer oder belehrende Fachleute.

Mit Problemen, die benannt werden, gehen sie komplementär um, indem sie sie freundlich empfangen und gemeinsam als Wünsche bzw. (Lern-) Aufgaben umformulieren. Dies gibt dem Prozess eine konstruktive Wendung in Richtung Ziel-und Lösungsorientierung.

Sie bieten sich in der Rückschausituation als Modell für aktivierendes und positives Kommunikations- und Lenkungsverhalten an, indem sie die Basiskommunikation und das positive Leiten selbst praktizieren.

Wie zwischen Eltern und Kindern ist dies die Grundlage für die persönliche Entwicklung der Erwachsenen. Durch die Orientierung an den Zielen und Wünschen, den vorhandenen Fähigkeiten und möglichen Lösungen werden sie aktiviert, ihre Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen und es stellt sich der sog. „Ausstrahlungseffekt“ ein: Eltern bekommen den Mut, sich neuen Aufgaben zu stellen oder liegen Gebliebenes anzupacken.

Video-Home-Trainer sind oft erstaunt, in welchen Bereichen sich Kompetenzen entwickeln, obwohl nicht explizit an den jeweiligen Themen gearbeitet wurde.

Dazu tragen zwei wesentliche Dinge bei:

  1. Die Komplementarität ihres Verhaltens. Sie eröffnen problembeladenen Eltern mit einer optimistischen Haltung neue Perspektiven.
  2. Gelungene Kommunikation motiviert, sie führt zum Genießen des Zusammenseins. Das Gefühl der guten Abstimmung, des gegenseitigen Verstehens, die daraus entspringende Vitalität und Produktivität setzen neue Energien frei. Viele Video-Home-Trainer sagen deshalb auch, dass ihnen die Arbeit viel Spaß mache und dass sie ungleich motivierter seien als früher.

Es liegen gesicherte Erfahrungen in folgenden Anwendungsfeldern vor:

-          Geburtshilfe-, Neugeborenen- und Frühgeborenenstationen in Krankenhäusern

-          Frühförderung

-          Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, sowohl stationär als auch teilstationär

-          Ambulante Familienarbeit (SPFH, Integrative Familienhilfe IF),

-          Erziehungsberatung

-          Ergotherapie

-          Kinder- und Jugendpsychiatrie

-          Kindergärten und Schulen

-          Heilpädagogische Einrichtungen

-          Einrichtungen der Integrationshilfe für ehemals drogenabhängige Mütter

-          Einrichtungen für geistig behinderte Menschen

 

 

Dipl.Päd. Hannelore Gens

 

Video-Home-Trainerin (SPIN)

Ausbilderin und Supervisorin (SPIN)

Masterclass-Ausbilderin (SPIN) und Lehrsupervisorin